anita prammer: »aus der mappe der hundigkeit«

aus:
VALIE EXPORT - eine multimediale künstlerin

 

im winter 1968 spazierte VALIE EXPORT mit peter weibel als hund ‑ er hatte eine hundekette um den hals gelegt und ging auf allen vieren ‑ durch die kärntnerstraße. die vorführung eines menschen als hund, in abhängigkeit zu einem anderen menschen, in form einer beziehung mensch tier, verlief nicht ohne aufregung und unmut in der österreichischen öffentlichkeit. die boulevardpresse schrieb in schlagzeilen, »daß es nun genug sei«.

aber nicht nur die passanten auf der straße waren über diese aktion schockiert, sondern auch in der kunstszene konnte/wollte niemand verständnis aufbringen. »ich kann mich erinnern, die künstler waren genauso entsetzt wie die menschen auf der straße. als ich mit weibel zu einer ausstellung in die galerie nächst st. stephan ging, waren sie alle schockiert, wichen an die wände zurück. sie sind dann hin zu weibel und haben gefragt, ob er jetzt papier esse. ich hab gesagt, dab er ein mensch wie wir sei. sie haben ihn wie ein hunderl gestreicheit, und mich haben sie gefragt, ob ich sadistisch bin, ob ich ihn hauen würde. es war also in der galerie dasselbe unverständnis wie auf der straße.«

»aus der mappe der hundigkeit«, eine visualisierung der »mann-frau-beziehung« in form einer »tier-mensch-beziehung«, spielt nicht nur auf das diskriminierende und entwürdigende machtverhältnis zwischen den geschlechtern an. als gesellschaftlich konstituiertes recht des mannes beugt und bricht er die frau. im gang auf allen vieren ist die unterwerfung und obiekthaftigkeit markiert. aus der mappe der hundigkeit geht aber weiter und bringt dieses zusammenspiel von macht und unterdrückung/unterwerfung als parabel einer tier‑mensch‑beziehung in die aktion ein, spricht damit das verhältnis von tier und mensch an. in den zeichentrickfilmen scheint die überschreitung der grenzen, die vermenschlichung der tiere, problemlos zu funktionieren. umgekehrt ist die verwandlung eines individuums in ein tier zumeist eine horrorvision. letztendlich ein spiel, das nur im genre film akzeptabel ist.

es ist der künstlerin immer wieder ein anliegen, die beziehung von mensch und tier neu zu thematisieren und zu behandeln. die differenz aber auch das gemeinsame aus der kulturellen zudeckung und überlagerung herauszufiltern, als noch vorhandene wurzel menschlichen verhaltens zu erkennen und im falle dieser untersuchung, die reliktische unterwerfungshierarchie aufzuheben.

»dieses bekenntnis der menschen zu tierischen verhalten ist eine symbolhafte darstellung tierischer verhältnisse in der gesellschaft. sie würde sich erübrigen, wenn die natur in der gesellschaft überwunden wäre. dies unterstreicht die notwendigkeit, soziale ordnungen tierischen ursprungs zu beseitigen.« [1] die dekuvrierung dieser mechanismen, vor allem auch als demontage männlicher »omnipotenz« gedacht, beinhaltet dementsprechend massive kritik am verhalten des mannes, seiner rolle als »unterdrücker«, die EXPORT in der sprache des körpers hintertreibt.

wenn lothar romain EXPORTs und weibels aktion aus der »mappe der hundigkeit exemplarisch für die desavoulerung der rolle des mannes anführt: »und schließlich wird der mann heftig attackiert, in umkehrungen historischer abhängigkeit nun seinerseits herabgesetzt, in die beherrschtenrolle gedrängt, als hund an der leine durch die stadt geführt« [2] schwingt die vorstellung mit, künstlerinnen, die sich an das bild des mannes heranwagen, daran zu kratzen beginnen, könnten nur die intention haben, in der umkehrung der verhältnisse, sich selbst in die position des »stärkeren« zu hieven, den dualismus mit umgekehrten vorzeichen weiter zu tradieren. eine ansicht, die sich nicht vertreten läßt.

traditionelle beziehungsmuster werfen ungebrochen ihre schatten. nach neuen perspektiven muß ausschau gehalten werden.

 

anmerkungen:

[1]

 
VALIE EXPORT: tapp- und tast kino etc. III. teil des aufsatzes »gertrude stein & virginia woolf«
in: neues forum, heft 234/235, wien, juni/juli 1973, s. 57
 
[2]

 

romain, lothar: emanzipation am mann vorbei. zur ausstellung »frauen machen kunst« in der galerie magers, bonn. in: kunstforum international, bd. 20/2, mainz 1977, s. 54
 

 

© anita prammer: VALIE EXPORT - eine multimediale künstlerin, wien 1998, s. 109

 

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